Jens Haase auf dem Weg zu Paris-Brest-Paris

Weltweit härtestes 1200km-Brevet in ca. 96 Stunden

Tiefe Nacht
Es ist tiefe Nacht. Eine kleine Straße in der Gegend von Bayreuth. Das Dynamolicht huscht über den nassen Asphalt. Im Nieselregen zieht sich die Steigung in den Wald. Kein Geräusch. Allein mit dem Rad, dem Wetter und der Landschaft.

Randonneure ticken anders
Randonneure ticken anders. Sie üben Ihren Radsport in aller Stille aus.
Sie fahren Langstrecken mit Minimalorganisation: Man trifft sich am Startort, bekommt eine Streckenvorgabe und eine Kontrollkarte, die an den Kontrollstellen abzustempeln ist.
Der Rest ist einem selbst überlassen:
Verpflegung, Werkzeug, Ersatzmaterial ist eigene Sache. Begleitfahrzeuge gibt es nicht (außer auf Anmeldung bei Paris-Brest-Paris), denn dies widerspricht eigentlich dem Randonneurgedanken:
Es gilt, die Strecke zu bezwingen, nicht die Mitfahrer. Ein Zeitlimit gibt es nur aus organisatorischen Gründen. Die Gegner sind die Distanz, die Widrigkeiten der Strecke und des Wetters. Die Mitfahrer sind Kameraden, keine Konkurrenten. Die Randonneure („Radwanderer“) nennen ihre Fahrten Brevets, frei übersetzt “Prüfung“. Mentale Stärke ist gefragt.

20 kg
Ein Randonneur-Rad wiegt schon mal 20 kg, ist aber im Prinzip ein Rennrad. Die Veranstalter schreiben fest installierte Beleuchtung sowie Ersatzbeleuchtung vor, außerdem Reflektorwesten und eine Mindestausstattung an Ersatzteilen. Dazu kommen Gepäcktaschen, Schutzbleche, Verpflegung, Wechselkleidung, Werkzeug.

Osterdorf  ist heute Mekka
Das kleine Dörfchen Osterdorf im Altmühltal ist heute Mekka der Randonneure: Karl Weimann hat zum Super-Brevet 1250+ eingeladen. Die „Große Bayernrundfahrt“ gilt als weltweit härtestes 1200km-Brevet, denn es geht eigentlich ständig nur auf und ab, ohne wesentliche Rollerpassagen. Karl ist stolz auf seine brutale Strecke mit heftigsten Steigungen. Es gelten aber trotzdem die üblichen Zeitlimits für normale Brevets.
Mit internationaler Beteiligung sind 30 Randonneure angetreten, 19 haben wegen der schlechten Wetterprognose oder aus anderen Gründen abgesagt. 6 werden im Laufe der Fahrt aufgeben. Alle mussten sich über eine Serie von Brevets qualifizieren, d.h. in 2014 je ein 200er, 300er, 400er und 600er Brevet fahren.

Begrüßungsständchen und mehre Tage und Nächte auf dem Rad
Nach einem Begrüßungsständchen der Blaskapelle aus Pappenheim geht es am 27. Juli morgens auf die Piste. In knapp 96 Stunden sollen alle wieder zurück sein. (Wer jetzt die nötige Durchschnittsgeschwindigkeit ausrechnet und mit seinen eigenen Ausfahrten vergleicht, sollte bedenken, dass diese Geschwindigkeit nicht nur für die ersten hundert Kilometer gilt, sondern auch für die letzten hundert, wo man schon über 1100 bergige km in den Beinen hat und mehre Tage und Nächte auf dem Rad verbracht hat! Außerdem ist die Zeit, die man zum „Nachtanken“ braucht, nicht zu unterschätzen.)

Riesige schwarze Gewitterzellen, in denen Blitze zucken
Die Strecke folgt in einem großen Rundkurs den Konturen Bayerns. Zunächst geht es hinunter ins Allgäu. Es ist ein warmer Sommertag. Bei Kempten sieht man am Abend zunächst noch das Alpenpanorama, dann aber zieht sich der Himmel zu. Vor dem Karwendelgebirge hängen Gewitterwolken, in die wir hineinfahren. Kochel- und Walchensee erleben wir im nächtlichen Regen und Wind. Vor dem Lichtschein Münchens im Norden sehen wir riesige schwarze Gewitterzellen, in denen Blitze zucken. Ein imposantes Schauspiel. Es kühlt sich merklich ab. Auf der kleinen Straße nach Bad Tölz hält uns jemand an: eine „Geheimkontrolle“, die verhindern soll, dass jemand unliebsame Streckenabschnitte abkürzt. Die Route führt über teils kleinste und winklige asphaltierte Feldwege mit steilen Anstiegen und Abfahrten. In den Kurven liegt viel Splitt, man muss sehr vorsichtig sein.

Es ist Tag geworden
Weiter geht es am Tegernsee vorbei hinauf zum Spitzingsee, es ist Tag geworden, aber der Regen ist geblieben. Dann geht es kurz nach Österreich. Das Wetter wird besser. Gegen Abend erreichen wir eine Kontrollstelle auf einem Campingplatz, wo Feldbetten zum Ruhen aufgestellt sind. An Schlaf ist aber nicht zu denken. Etwas genervt wegen des vergeblichen Schlafversuchs über anderthalb Stunden geht es weiter in eine kühle Nacht. Ich gucke mir ab, wie die anderen zu Schlaf kommen. Ich schlafe ca. 1 Stunde neben einem Geldautomaten einer Commerzbank in einem Dörfchen im Nirgendwo. Da ist Ruhe, und es ist trocken. Beliebt sind auch Bushaltestellen. Immer wieder sieht man nachts im Vorbeifahren Räder vor Banken oder Buswartehäuschen stehen.

Navigiert wird nach Streckenbeschreibung oder mit GPS. Fährt man mit einer Gruppe, muss man nicht an jeder Ecke nach dem Weg sehen. Es kann aber auch leicht passieren, dass man sich gemeinsam verfährt! Und öfters ergeben sich durch Baustellen Umwege.

Kontrollstellen sind Tankstellen oder Autohöfe
Die meisten Kontrollstellen sind Tankstellen oder Autohöfe, die 24 Stunden am Tag geöffnet sind. Hier ergibt sich manchmal auch eine Ruhemöglichkeit: man schläft einfach am Tisch oder auf einer Sitzbank. Eine andere Art der Kontrollstelle ist die Kontrollzange: wo weit und breit nichts ist, wird einfach eine Stempelzange an einen Gartenzaun oder ein Ortsschild gehängt, mit der man dann einen Abdruck in sein Kontrollbuch prägt. An anderer Stelle gab es eine Kontrollfrage zu beantworten.

Es braut sich nachmittags etwas zusammen
In der Oberpfalz braut sich nachmittags etwas zusammen, es grummelt schon längere Zeit. Dann erlebe ich einen heftigen Platzregen. Innerhalb weniger Sekunden bin ich trotz vorsorglich angezogener Regenkleidung völlig durchnässt, wie unter einem Wasserfall. Die stark abschüssige Straße steht sofort handbreit unter Wasser, so dass sich in den Sturzbächen kaum noch lenken lässt. Ich steuere geradewegs in einen offenstehenden Kuhstall, um mich unterzustellen. Zwischen mampfenden Kühen stehend, sehe ich draussen das Wasser aus den Kanaldeckeln sprudeln. Alles schwimmt.

Höchster Punkt der Oberpfalz
Es regnet die ganze Nacht. Auf der Silberhütte (dem höchsten Punkt der Oberpfalz) muss man ein Kontrollfoto von sich selbst vor dem Strassenschild machen.
Manchmal trifft man auf andere Randonneure, sieht weit voraus in der Finsternis Rücklichter.
Man trifft sich auch an Tankstellen, wo man sich für die Nacht mit Verpflegung eindeckt. An den Kontrollstellen immer dasselbe Schema: stempeln lassen, so viel essen und trinken wie möglich, einkaufen und weiter.

Anderthalb Stunden Schlaf zitternd geht es weiter
Später anderthalb Stunden Schlaf bei der Volksbank. Danach ist der Stoffwechsel ganz runtergefahren, zitternd geht es wieder auf den Sattel.
Im kühlen Morgengrauen verschwinden die Wolken. Es wird heiß. Ein wunderbarer Hochsommertag, inmitten schöner Landschaft. Mein Mitfahrer schwächelt, und sein GPS ist defekt. Im Gras liegend versuche ich mittags, etwas zu schlafen, was mir jedoch nicht gelingt. Mit geringem Tempo erreichen wir die nächste Kontrollstelle. Sein Zustand verschlechtert sich, Gedanken an’s Aufgeben kommen.

Nach weiteren 115 km an der nächsten Kontrollstelle treffen wir eine Gruppe von Randonneuren. Einer kann ihm ein GPS leihen. So kann er erstmal etwas schlafen und dann langsam weiterfahren. Später schafft er es ins Ziel.

Allein unterwegs
Auf dem letzten Teilstück bin ich allein unterwegs. Bei Sonnenuntergang überquere ich eine Hochebene. Ich ziehe meine Reflektorweste an und fahre in die laue Sommernacht. Es kommen nochmal heftige Anstiege im Steigerwald. Über mir nur die Sterne und völlige Stille. Die letzten Kilometer ziehen sich in die Länge. Die Konzentration lässt nach. 17 km vor dem Ziel doch noch ein Capuccino von der Tankstelle. „Fahren Sie auch noch nach Osterdorf? Da war schon einer hier, vorhin!“

Die letzten Kilometer genieße ich – ein Hochgefühl
Die letzten Kilometer genieße ich ein Hochgefühl, es gleich geschafft zu haben. Im Ziel wird mir gratuliert. Jeder, der ankommt, wird mit Applaus begrüßt. Na. Ging doch.

       

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