RCW on Tour 2010
RCW on Tour unter diesem Motto sind wir seit nunmehr 20 Jahren überwiegend in den Alpen unterwegs und nutzen die Rennmaschinen oder Mountainbikes, um Landschaften „zu erfahren“.
Transalp 4 - so der Titel unserer diesjährigen Tour, die von Scoul im Unterengadin an den Lago führte. Sicherlich war es keine richtige Alpenüberquerung, da wir nicht in Deutschland gestartet sind. Der lange Weg nach Scoul hätte uns jedoch weitgehend über Strecken geführt, die wir schon in früheren Jahren gestreift oder durchfahren haben. Und, bei einem Zeitfenster von fünf Tagen ist sicherlich mehr nicht machbar, will man dennoch eine landschaftlich atemberaubende und anspruchsvolle Route zum Gardasee legen.
Start in Sur En
Dennoch haben wir mit 16 Radsportfreunden eine Tour erlebt, die reich an landschaftlichen Höhepunkten war. Dank unseres Begleitteams Horst Stengl und Bernd Brand konnten wir uns auf die Landschaft und das Radfahren konzentrieren. Die mitunter recht anspruchsvollen Tagesetappen waren nur dank dieser Unterstützung zu bestehen. Val Mora, Passo Mortirolo, Passo Tonale, Madonna di Campiglio und das große Finale auf der alten Küstenstraße zum Lago waren die Eckpunkte unseres Kurses, der zwischendurch mit vielen fantastischen Ausblicken auf uns wartete.
1. Etappe Scoul – Müstair:
Nach der langen Anfahrt Frölich-Reisen durch die Nacht war die erste Etappe bewusst etwas kürzer geplant. Angesichts des schlechten Wetters, dass für die zweite Tageshälfte vorhergesagt war, eine gute Entscheidung. Vom Start beim Campingplatz in Sur En weg, konnten wir einige Kilometer die Beine etwas warmfahren, bevor kurz hinter Scoul (1.242 üNN) die erste Rampe mit der Auffahrt nach S-Charl (1.810 üNN) auf uns wartete. Nachdem jeder seinen persönlichen Rhythmus gefunden hatte, ging es durch die dichten Arvenwälder mitunter recht steil bergan bevor sich kurz vor S Charl der enge Taleinschnitt zu einer Hochebene weitete. Bis zur Alp Astras (2.132 üNN) folgten wir bei geringer Steigung einem breiten Schotterweg, der dann in einen anspruchsvollen Trailpfad überging. Leider waren die Berge schon verhangen, als wir den Costaina-Pass (2.251 üNN) erreichten und in Richtung Ofenpass ins Val Müstair abfuhren. Kurz hinter Lü vertrauten wir dem Gefühl statt der Navigation über GPS und landeten prompt im Gelände. Mühsame Schiebepassagen und halsbrecherische Abfahrten führten zwar auf einen befestigten Weg aber die Orientierung war völlig verloren. Recht mühsam und nur mit einigen zusätzlichen Höhenmeter gelangten wir wieder auf die alte Strecke. Der Umweg kostete jedoch Zeit und pünktlich wie vorhergesagt, fing es an zu regnen. Patschnass wurde die wenigen Kilometer bis zum wärmenden Quartier in Müstair zurückgelegt.
Strecke: 49 Kilometer, 1572 Höhenmeter bergauf, 1404 bergab, mittlere Fahrtzeit: 3:51 Stunden.
Hotel: Münsterhof, 7537 Müstair / Schweiz, http://www.muensterhof.ch, sehr zu empfehlen, persönlicher Service, Radwäsche, verschließbare Unterstellmöglichkeit, sehr gutes Essen, Zimmer etwas einfacher aber insgesamt eine gute Adresse für Biker.
2. Etappe Müstair - Grosio:
Der erste Blick galt dem Himmel und schon beim Frühstück keimte Hoffnung auf, trocken durch den Tag zu kommen. Zunächst locker einrollen, bevor es nach St. Maria mit der Auffahrt zum Döss Radond (2.236 üNN) gleich ordentlich zur Sache ging. Insgesamt ist die Strecke aber gut fahrbar, da nach einem recht steilen Beginn die Hochebene erreicht wird und es immer wieder flachere Abschnitte gibt. Kurz vor der Passhöhe setzte leichter Nieselregen ein, der mit einem sehr stürmischen Wind doch für eine unbehagliche Kälte sorgte. Gottseidank war ein Viehunterstand offen und die nassen Radklamotten konnten gegen trockene Trikots und dicke Regenjacken getauscht werden. Was folgte war der schon legendäre Trail durch das Val Mora. Eine Abfahrt, die landschaftlich und fahrtechnisch zu begeistern weiß.

Am Lago San Giacomo di Fraele warteten unsere treuen Begleiter Horst Stengl und Bernd Brand mit dem Begleitbus, um uns zu verpflegen. Wir haben tagsüber wieder „aus dem Bus gelebt“, da es mit einer solch großen Gruppe zeitlich unmöglich ist, einzukehren. Also Flaschen auffüllen und essen – kurze Zeit später folgten wir den Schotterpisten in Richtung Passo Torri di Fraele (1.955 üNN). Die Serpentinen verlangen eigentlich nach einem Sturzflug ins Tal. Aber, wir mussten in der dritten Kehre unbedingt den Abzweig in Richtung Arnoga erwischen, wollten wir doch einem Höhenweg folgen, der weit oberhalb des Talgrundes ein entspanntes biken erlaubte und die Kilometer ordentlich purzeln ließ. Viel zu schnell war Arnoga erreicht und die Auffahrt zum Passo di Verva (2.301 üNN) nahm uns gleich beim Einstieg die Luft. Rampen mit über 20 Prozent Steigung verlangten einiges an Willenskraft. Mit Erreichen der Almwiesen ging die Fahrstraße in eine immer gröber werdende Schotter- und Geröllpiste über. Leider fing es auch an zu regnen und die Auffahrt glich einer Fahrt in einem Bachbett. Wahre Sturzbäche kamen und uns entgegen und der starke Wind trieb den Regen fast waagrecht ins Gesicht. Die Passhöhe lud daher nicht zum Verweilen ein. Schnell umziehen und ins Tal – leider hatte Peter Krause platt gefahren und wir mussten mit klammen Händen den Reifen flicken. Die Reste eines Schützengrabens, der von den kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Österreich und Italien übrig blieb, bot etwas Windschutz. Durchgefroren und mit kalten Händen ging’s bergab. Einfach laufen lassen, das Rad findet seinen Weg! Mir ist es noch immer ein Rätsel, wie wir diese verblockte Abfahrt mit Felsen und riesigen Steinbrocken sturzfrei überstanden haben. Eine kurze Verschnaufpause bot das verschlafene Bergdorf Eita bevor ein anspruchsvoller Trailweg weiter ins Tal führte. Es wurde mit jedem Meter, den wir in Richtung Grosio fuhren, wärmer und auch der Regen hatte aufgehört, so dass in einem kleinen Lokal erst einmal die Gruppe gesammelt wurde. Gemeinsam ging es die letzten Kilometer auf Asphalt hinab nach Grosio (668 üNN), wo das Hotel Sassella (http://www.hotelsassella.it) genau die richtige Adresse für Biker war, um sich zu Erholen. Ein toller Wellnessbereich bot Gelegenheit, sich auch wieder von innen aufzuwärmen und sehr komfortable Zimmer und ein gutes Essen versöhnten schnell die der harten Etappe. Radwäsche und sicherer Abstellplatz waren ebenso selbstverständlich, wie ein aufmerksamer Service.
Strecke: 81 Kilometer, 1702 Höhenmeter bergauf, 2269 bergab, mittlere Fahrtzeit: 5:32 Stunden.
3. Etappe Grosio – Passo Tonale:
Der Komfort einer Übernachtung im Tal wird am folgenden Morgen gleich mit einer schweißtreibenden Auffahrt bezahlt. Aber zunächst genossen wir schon beim Frühstück den Blick auf einen strahlend blauen Himmel und rüsteten guten Mutes für die Auffahrt zum Mortirolo (1852 üNN). Dieser legendäre Alpenpass der Italienrundfahrt ist schon ein echter Brocken. Rund 1200 Höhenmeter am Stück folgten wir dem absolut verkehrsarmen Sträßchen bis zur Passhöhe und genossen immer wieder die wunderbare Fernsicht auf die Alpengipfel. Nach der Strampelei war unser Team Horst und Bernd wieder mit frischem Käse und Brot zur Stelle, so dass der Hunger schnell wich. Weiter ging’s – die eigentliche Passhöhe, der Pianaccio (2112 üNN) war noch nicht erreicht und einer weiten Hochebene folgend, wechselten wir vom Veltlin ins Val Camonica.

Der Trailpfad war anfangs nur für die besten Abfahrer ohne Schieben zu bewältigen und wir kämpften uns mit einigen leichten Abflügen ins Gelände bergab in Richtung Vezza d´ Oglio, bevor wir im Talgrund auf breiten Schotterpisten etwas verschnaufen konnten. Den Passo Tonale, das Etappenziel erreichten wir kurz vor dem einsetzenden Regen und genossen das sehr gute Hotel Gardenia. Sehr ansprechende und komfortable Zimmer, ein guter Wellnesbereich und ein reichhaltiges Abendessenessen und Frühstücksbüfett zeichnen das Hotel aus. Leider war am nächsten Tag Beginn der Betriebsferien, so dass die Weizenbiervorräte nicht sehr lange durchhielten.
Strecke: 57 Kilometer, 2404 Höhenmeter bergauf, 1237 bergab, mittlere Fahrtzeit: 4:49 Stunden.
4. Etappe Passo Tonale - Breguzzo:
Die längste Etappe stand an und einige Sportfreunde bezweifelten, ob die ehrgeizige Planung umzusetzen sein würde. Aber zunächst genossen wir bei Sonnenschein die 20 Kilometer lange Abfahrt ins Val die Sole. Dank Navigation und Ulrich Stanciu, dem ehemaligen Bike-Herausgeber und GPS-Pionier für MTB-Touren, fanden wir die versteckten Abfahrten ohne Probleme und waren nach knapp einer Stunde am Treffpunkt in Ossana. Flaschen füllen, dicke Jacken in die Rucksäcke und weiter ging’s. Noch in Ossana wartete die erste Rampe, die aber schnell gezwungen war. Ein kleines Hochtal wurde passiert und der Weg gut gelaunt fortgesetzt. Hinter Fazzon war dann aber Schluss mit entspanntem Biken und meist auf der Sattelspitze sitzend, wurden die steilen Anstiege über die Malga alta di Fazzon und Malga Panciana zum Rifugio Orso Bruno (2.147 üNN) bezwungen.

Es war echte Schwerarbeit, bevor der traumhafte Blick auf die Brenta Dolomiten oberhalb von Madonna di Campiglio genossen werden konnte. Leider war die Alm geschlossen, so dass nach kurzer Entspannung in der Sonne, das herrliche Bergpanorama der Konzentration auf der langen Abfahrt ins Tal weichen musste. Unser Team wartete in Madonna bereits mit dem Verpflegungswagen, da wir angesichts der Tagesetappe keine Zeit für eine lange Einkehr hatten. Kurze Rast und schon ging es mäßig ansteigend zum Refugio Vallesinella um nach einer Steilabfahrt bereits den nächsten Anstieg zum Val Agola zu bezwingen. Den in eine traumhafte Alpenlandschaft eingebundenen Agola See (1.600 üNN) haben wir bereits 1997 bei unserer Transalp II besucht. Von daher wussten einige Sportfreunde, was auf uns zukam. Die anderen unserer Gruppe schauten etwas ungläubig, als ich auf den Talschluss am gegenüberliegenden Ufer wies und die Streckenführung erläuterte – da müssen wir hoch! Nach dem bisherigen Tagesprogramm forderte die Schiebepassage zum Passo Bregn da l’Ors (1.843 üNN) schon ganz ordentlich. Aber es folgt wieder eine Belohnung durch eine wirklich atemberaubende Aussicht auf die Brenta Dolomiten. Nach der Kraxelei wurden fast 1.300 Höhenmeter wurden im Speedrausch vernichtet, bevor ab Bolbeno noch eine kleine Auffahrt zum Etappenziel in Breguzzo bezwungen sein wollte. Der letzte Abschnitt wurde nicht wie geplant auf Schotterwegen gefahren sondern angesichts der Uhrzeit auf Asphalt bewältigt. Schlag 19:00 Uhr waren wir endlich im Quartier und konnten uns von den Strapazen im Hotel Trento erholen. Eine Empfehlung für Mountainbiker, da das Hotel durch sehr persönlichen und zuvor kommenden Service ebenso gefiel, wie durch ein hervorragendes Essen. Die Zimmer sind komfortabel und die Räder finden einen sicheren Platz.
Strecke: 96 Kilometer, 2591 Höhenmeter bergauf, 3584 bergab, mittlere Fahrtzeit: 7:09 Stunden.
5. Etappe Breguzzo – Riva del Garda:
Strahlender Sonnenschein begrüßte uns schon zum Frühstück und wir beschlossen flugs eine kleine Routenänderung, um am Ende der Tour mit etwas mehr Zeit den Eisbecher im Hafen von Riva genießen zu können. Die 14 Kilometer durch das Val del Chiese nach Cimego wurden als Mannschaftszeitfahren auf der Straße abgespult und nicht über parallel verlaufende Schotterpisten. Die Beine waren schon recht locker, als wir zur Auffahrt zum Passo Rango (1.326 üNN.) einbogen. Fast 900 Höhenmeter lagen zwischen dem Talgrund und dem Pass, der uns ins Valle di Ledro führen sollte. Bis zum kleinen Weiler Rango auf 1.200 Metern Höhe fuhren wir auf einem Teersträßchen recht flüssig voran, bevor kurz nach der Passhöhe wieder eine Schiebepassage bergab einiges an Kletterfähigkeit abverlangte. In Tiarno di Sopra war der Lago schon spürbar nahe und im Talgrund erreichten wir zügig den Ledrosee. Dass die Region um Riva ein Mekka für Biker ist, war nun deutlich zu spüren. Waren wir bisher wenigen Bikern begegnet, trafen wir nun auf ganze Pulks. Kurz hinter dem Ledrosee tauschten wir das Gedränge jedoch zumindest für einige Zeit mit der Einsamkeit der Bergwelt. Kehre rechts und schon froderten Steigungsabschnitte mit über 20 % auf dem Weg zur Baita Segala (1.241 üNN) ein letztes Mal die ganze Willenskraft heraus. Wir wollten aber die absolut schönste Anfahrt auf Riva genießen und den unteren Abschnitt des Tremalzo-Downhills über Pregasina und die alte Küstenstraße fahren. Am Ende eine fünftätigen Alpentour war dies noch einmal ein hartes Stück Arbeit bevor uns der fantastische Blick auf den Lago für unsere Strapazen belohnte. Das Ziel war greifbar nahe und dennoch wartete der vielleicht gefährlichste Abschnitt auf uns. Neben den fahrtechnischen Herausforderungen des legendären Tremalzo-Downhills über Wurzelwege und Felsterassen waren es sicherlich die Massen an Bikern, die volle Konzentration verlangten. Die Ortschaft Pregasina, Endpunkt unserer Transalptouren in 1996 und 1997, war nicht wieder zu erkennen – ganze Heerscharen von Bikern jeden Alters und Fahrkönnens bevölkerten den Ort und in der Folge auch die schmale Abfahrt nach Riva.

So waren wir recht glücklich auch noch dieses Gewusel (fast) unfallfrei überstanden zu haben. Einige Stürze hatte es in den fünf Tagen Alpencross schon gegeben, die aber bis auf die berühmte „Schotterflechte“ recht glimpflich abgingen.
Strecke: 65 Kilometer, 1726 Höhenmeter bergauf, 2284 bergab, mittlere Fahrtzeit: 4:55 Stunden.
Eine sportliche Herausforderung war unsere Tour in jedem Fall. Aber angesichts der eindrucksvollen Landschaften, die wir „erfahren“ haben und tollen Kameradschaft, die wir erleben durften eine bleibende Erinnerung. Schon auf der Heimfahrt wurden Pläne für 2011 geschmiedet wenn es wieder heißt: RCW on Tour. Mit den Rennmaschinen werden wir eine 5-tätige Rundfahrt durch das östliche Österreich bestreiten.

